
Albanien
Bouldern in den Bergen der Verdammten
Text, Infos und Fotos von Ralf Gentsch
Schon zum dritten Mal nun sitze ich im Jeep und schwanke dem Pass auf 1600m Höhe entgegen. Für heutige Verhältnisse ist diese Region Albaniens wohl immer noch genauso abgelegen, wie zu Zeiten wo nur Fußgänger und Pferde diese Wege benutzten. Nur die Ärmsten wohnten hier und waren vor überraschendem Besuch recht sicher. Mittlerweile geht es nicht nur den Menschen hier besser, sondern überraschender Besuch ist durchaus willkommen, seit im Rahmen eines Projektes der internationalen Zusammenarbeit der GTZ in einigen Häusern Gästezimmer eingerichtet wurden und auch der Zelt- und Trekkingtourist eine grundlegende Infrastruktur vorfindet. Ein Teil meiner Aufgabe war es, die Möglichkeiten für den Bergsport zu erkunden und wie zu erwarten gibt es diese reichlich. In den Tälern der ca. 50 Zweitausender der Nordalbanischen Alpen kullert da auch eine Menge Blöcke die Hänge hinab, die dem Mattenträger ein reiches Betätigungsfeld bieten. Auch hohen Fels gibt es mehr als genug inklusive einer knapp 1000m hohen Wand im Talschluss des Shala Tals direkt über Thethi, dem Dorf, welches als Ausgangspunkt für die meisten Aktivitäten am besten geeignet ist. Dies war auch heute Tagesziel und so schraubte sich der Wagen wieder tausend Höhenmeter Schotterpiste hinab ins Tal zu Rozas Haus, wo wir die folgenden Tage wohnten.
Der nächste Morgen versprach gutes Wetter und so beschloss ich die am entferntesten gelegenen Areale zuerst in Augenschein zu nehmen. Bei früheren Besuchen erschien mir der Abschnitt des Tals zwischen Thethi und dem Ortsteil Nderlysa als der mit dem meisten Potential an Blöcken. So wanderte ich mit Matte vornweg, gefolgt von Roza, die als Kind in diesem Ort aufwuchs und so fast jeden kennt und Katrin, einer Praktikantin. Der Wanderweg durchs Tal umgeht den Canyon des Shala Flusses und sobald man den unteren Talabschnitt erreicht, folgen schon bald die ersten Blöcke links am Hang sowie am Flussufer. Nach einer knappen Stunde befanden wir uns dann schon bei m Aufstieg in einer Rinne östlich oberhalb von Nderlysa. Mein motiviertes Gämsentempo hielten die Damen in diesem Gelände nicht mit, also Matte runter und Schuhe an. Endlich klettern. Das Panorama war fantastisch, zwischen Bouldern über dem Dorf trohnend inmitten steiler Bergflanken zu klettern, ist ein erhebendes Erlebnis. So konnte man sich an Platten erwärmen und dann die Neigung der Boulder bis weit über 90 Grad steigern. Ab den mittleren Graden aufwärts würde das Potential mindestens einen Tag füllen und trotz der Lage am Hang reichen meist ein bis zwei Matten für eine sichere Landung. Von Dach bis Reibung gibt´s alles. Da ich weder mit Spottern noch mit adequater medizinischer Versorgung rechnen konnte, war ich dementsprechend vorsichtig und versuchte wenigstens einige gute Fotos machen zu lassen. Da das Tagesprogramm für Punkt eins zwar erfüllt war, aber noch etliche auf dem Plan waren, so wandten wir uns Richtung Dorf, wo es dank Rozas Bekanntschaften erst mal Kaffee gab. Der kräftige Mokka, serviert von Rozas Bekannter, einer älteren Frau in traditioneller schwarzer Kleidung, belebte die müden Glieder. Also auf zu neuen Taten. Ausgeruht und mit noch reichlich Zeit beschlossen wir das nordöstliche Seitental mit der Siedlung Kaprea nach weiteren Bouldern zu erkunden. Der Weg führt an einem Bach entlang, der kurz hinter dem Ort sich durch eine Schicht roten Marmors gespült hat. Je nach Wasserstand kann man hier in verschiedenen Tumpen baden oder man schaut sich nur die von tosendem Wasser umgebenen bizarr ausgewaschenen Formen an.
Bevor der Weg den Bach verlässt, sind am Ufer noch ein paar Blöcke zu sehen, die man durchaus in Augenschein nehmen könnte. Wir folgten dem Weg oberhalb einer Schlucht zum „Blauen Auge“, einem runden Pool im Bach, der von einem Wasserfall gespeist wird. Nicht nur die Farbe passt, auch sieht ein dunkler Stein in der Mitte wie eine Pupille aus. Auch wenn hier keine Boulder mehr zu finden waren, so ist es doch ein sehenswertes Ziel ebenso wie der oberhalb liegende Talboden. Selbst in dieser abgelegenen nur durch einen schmalen Bergpfad zu erreichenden Gegend findet man noch Häuser, die zumindest zeitweise bewohnt werden. Ein Blick in die Fenster oder in nicht mehr bewohnte Häuser wirkt wie ein Blick in die Vergangenheit, und man mag nicht glauben, dass in Europa noch Menschen so einfach und bescheiden leben.
Nun gut , das kannte ich schon von meinen früheren Besuchen und so sollte die Suche nach Blöcken weiter gehen. Wir wählten die Schotterpiste für den Rückweg nach Thethi, denn dort war oberhalb des Weges noch einiges zu erwarten. Meine Begleiterinnen entschieden sich für relaxen im Garten und verabschiedeten sich in Richtung Haus. So ich hatte Zeit mich den Problemen zu widmen. Und die gab es. Gleich am Weg stieß ein Kalksteinsporn auf einer Terrasse gen Himmel. Seine überhängende Seite bot einen genialen Sitzstart. Leider war ich ihm nicht ganz gewachsen und so wurde daraus ein Hockstartversuch und dann doch nur ein Stehendstart. Naja, ich werde wiederkommen. Immerhin entdeckte ich noch ein paar schattige Wandstücken im Wald nahe der Straße. Hier gibt es dann wieder alles von leicht bis schwer.
Der nächste Tag führte wieder den Weg hinab in die Gegend unterhalb des Canyons. Das erste Ziel war wieder eine ausgespülte große Rinne mit reichlich Blockwerk, die vom Wanderweg gequert wird. Der Fels ist hier nicht nur sehr kompakt und fest, sondern auch meist absolut sauber. Hier finden sich wohl die meisten Boulder in einem Sektor. Los ging´s im oberen Teil mit einigen recht ansprechenden 6er Problemen. Da meine Session nur von Fotoanweisungen unterbrochen wurde, lief ich zügig von Block zu Block und genoss nur das Schönste und Beste. Und natürlich Leistungsabfall, der sich umgekehrt proportional zum Sonnenstand verhielt. Trotz der Höhenlage um 600m kann es auch mal im Frühjahr oder Herbst schnellrecht warm am Hang werden.
Da jetzt die Sonne schon recht heftig brannte, gab es nur den einen rettenden Gedanken: zum Fluss.
Das Wasser ist glasklar und blau und nach kurzem Bade muss man sich entscheiden ob man lieber den Wiesenblock oder die Boulder auf der anderen Seite favorisiert. Je nach Wasserstand kann das Queren des Flusses vom Fußbad bis hin zu einer lebensgefährlichen Aktion alles sein. Die Bouldermatte mag schwimmen, die Frage ist nur ob man oben oder unten dranhängt und zwischen welchen Steinen sie hängenbleibt. Letztlich ist die Entscheidung egal, gute Linien sind auf beiden Seiten.
Da ich der einzige unseres Trios war, der auch auf dem Rückweg ständig interessante Dinge erwartete, war mein Tatendrang noch nicht erloschen. Direkt in der Nähe des Dorfes, in Sichtweite des Blutracheturmes (keine Panik, ist heute Museum, umgeben von Campinggelände), liegen auf recht ebenen Wiesenterrassen auch noch einige Blöcke. Wenn auch das Anzahl nicht sehr groß ist, so reicht es doch für ein paar Stunden, zumal man von den meisten Gästehäusern nur wenige Minuten bis hierhin braucht. Hier gelangen mir dann auch einige schöne Probleme.
Satt geklettert gönnten wir uns dann erst mal Kaffee in der Sonne vorm Haus. Die bequeme Nähe der Blöcke macht´s möglich. Allerdings blieb der Blick dann wieder irgendwo hängen und schon verließ ich Rozas Garten wieder geradlinig zum nächsten Fels. Der mühselige Umweg über eine der beiden Brücken kam um diese Uhrzeit nicht mehr in Frage. So ging´s ebenso gerade durch den Fluss und an zwei recht interessante Blöcke mit steilen Kanten. Die eine gelang ohne sie zu putzen, die andere war recht hoch und wo die einzige Matte auch lag, bremste die Angst; naja man bräuchte schon 2-3 für eine sichere Landung. Schade, aber nach kurzer Suche fand sich im Wald noch ein ansprechendes Problem. Das umstehende Gebüsch hatte wohl meine Perspektive verschoben, denn schnell fand ich mich mit einem heiklen Ausstieg in drei Metern Höhe konfrontiert. Um dieses Level nicht vorschnell zu verlieren verbrachte ich einige Zeit mit Akklimatisieren, Griffsuche und Planung des nächsten Zuges. Da Sturzszenarien nicht motivierend wirken, verdrängte ich sie weitestgehend. Der Plan ging auf und ich erreichte wohlbehalten den Ausstieg. Daraufhin beschloss ich dann aber auch meine weichen Knie auf dem Rückweg im Bach zu kühlen und auf Rozas opulentes Abendmahl zu warten. Und damit endet sowieso immer jeder Abend in Thethi. Auf getafelt wird Maisfladenbrot, frischer Joghurt, Käse und alles was der Garten hergibt. Ein Raki ist auch immer zur Hand. Gut so, am nächsten Tag wird man´s brauchen.
























